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1788
Viel haben wir gearbeitet, meine Familie und ich. Papa hat das Unternehmen aufgebaut, Adèle und ich gehen regelmäßig zur Arbeit, wir zahlen Steuern (die weiß Gott nicht niedrig sind) an die Hohen im Staate... Eine vergleichsweise gute Bildung haben wir genossen, selbst Adèle. Als Mädchen ist es nicht so einfach, an eine gute Bildung zu gelangen, aber Vater hat sich für Adèle eingesetzt und so konnte auch sie eine kleine private Schule besuchen. Wir sind nun gebildet, einigermaßen vermögend; unsereins gehört zu den vorantreibenden Kräften in Paris. Wer sind die hohen Leute, dass sie sich im Rechte dünken, wenn sie uns übergehen, uns, die wir doch Kern des Staates sind. Der Adel kann nicht ohne uns sein, unsere Steuern und Abgaben sind der hohen Leute Überlebensmittel... Wie kann es dann aber sein, dass man uns nicht an den Parlements teilnehmen lässt, dass man uns arbeiten und Abgaben leisten lässt, ja, dass man Kriege und andere zwielichtige Unternehmen mit unserem Gelde führt ohne dass wir ein Wort zu sagen haben? Und sieht man erst die Armen, die Handwerker, Arbeiter, Tagelöhner und Diener! Ihr Einkommen und ihr Besitztum ist so viel geringer als das Unsrige. Wie soll damit das täglich Brot bezahlt, gar eine Familie ernährt werden? Wie können sie von ihrer Not sagen, wenn man sie nicht hören will? Immer wieder geht es um öffentliche Angelegenheiten; die Politik ist überall; auf den Straßen, auf dem Schlachtfeld vor den Bäckereien, am Arbeitsort, in der Familie; sie treibt die Menschen aus den Häusern, lässt sie Stunden lang an den Fenster ausharren, begierig, Neuigkeiten aus dem geschäftigen Treiben in den Straßen herauszufiltern. Überall gehen Flugblätter um, in denen große Geister zu Widerstand aufrufen. Es sind große Worte, die sie führen, ungeheuerliche Anliegen, die sie vorbringen. Es erscheint alles so unwirklich, als ob die Welt auf dem Kopfe stünde. Vom dritten Stande ist dort die Rede, der Jahrhunderte lang von den oberen Ständen, dem Adel und den Kirchenleuten ausgenommen und tyrannisiert worden sei. Dabei sei er zahlenmäßig doch den ersten Ständen haushoch überlegen. Doch wohin gehöre ich, gehört meine Familie, unser Umfeld? Zu jenen armen Teufeln kann ich uns nicht dazurechnen, das wäre unfair, bedenkt man doch, dass wir gar nicht so unvermögend sind. Unsere Zugehörigkeit zum Klerus oder zum Adel ist ebenfalls ausgeschlossen. Wir gehören scheinbar einer Menschengruppe an, die schwierig einzuordnen ist. Einige Flugschriftverfasser nennen uns die "Bürger". Da wir jedoch keinem Stand so recht anzugehören scheinen, so sind wir doch existent und haben Recht auf Mitsprache. Egalité, Fraternité und Liberté sind die Schlagwörter, die siele Flugblattschreiber einbringen. Große Denker wie Rousseau oder Sieyes haben eine Art kollektives Menschenbild geschaffen, gültig für jeden Menschen, egal welchem Stande er entspringt. Da hat selbst seine Exzellenz der König von Frankreich dieselben Rechte und Pflichten wie unsereins... Es ist, als hätte man die Menschen aufgeweckt aus einem tiefen Märchenschlaf - plötzlich redet alle Welt von Gleichheit und Freiheit, von Dingen, an die vorher niemand dachte (oder niemand laut dachte). Eigentlich sind es ja einleuchtende Erkenntnisse, wenn man länger darüber nachdenkt. Warum sollte jemand über mir stehen, der auch nur aus Fleisch und Blut und Leben besteht? |