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1792

25. April
Schon wieder Krieg? Ein seltsames Gefühl. Unsere Nation ist erst im Aufbau und schon wird wieder ein Krieg begonnen. Die Girondisten, ursprünglich ein politischer Debatierclub, hat nun das meiste politische Gewicht in der Nationalversammlung. Es wird gemunkelt, dass mit einem Kriege von den inneren Schwierigkeiten abgelenkt werden soll und dass der Krieg eine weitere Einigungskraft darstelle. Auch der König befürwortet den Krieg - naturgemäß haben das viele der politischen Lager sehr kritisch aufgefasst. Papa meint, der König treibe ein Doppelspiel - er befürworte den Krieg in echt nur deshalb, weil die neue Nation damit geschwächt und die Altvorderen wieder an Macht gewinnen könnten. Viele denken ähnlich - die Ressentiments gegen den König mehren sich...

10. August
Der König ist so gut wie entmachtet! Wieder einmal hat das Volk Entscheidendes geleistet. Nach den verschiedenen Nachrichten, dass der König der Nation durch sein verräterisches Doppelspiel schade, erstürmte man die Tuilerien, woraufhin sich der König in den Schutz der gesetzgebenden Versammlung begab. Dort wurde er freilich sofort seines Amtes enthoben...

Sommer
Es gibt großen Streit in der Familie. Papa, der sich nun deutlich zu den Girondisten bekennt, hat Adèles Freund Pierre des Hauses verwiesen. Der nämlich ist mittlerweile Montagne-Anhänger. Auch mich möchte er überzeugen, der "Bergpartei" beizutreten (mit der Bergpartei ist die radikale Linke gemeint, die in der Versammlung auf den hohen Rängen sitzt) aber ich fühle mich noch nicht bereit, eine klare Entscheidung zu treffen. Als ich ihm das in Papas Anwesenheit klar machte, verspottete er mich nur und bezeichnete mich als "Marais" (in der Nationalversammlung gibt es nämlich Unentschlossenen, die von allen verächtlich "Marais", Sumpf genannt werden. Papa plädiert für eine Einigung mit dem König während Pierre eine Republik ohne jegliche Form von Monarchie verlangt. Wenn es ganz nach ihm ginge, sollte der König sogar umgebracht werden. Adèle hat es schwer - sie steht zwischen den beiden wütenden Männern und versucht Frieden zu stiften - vergebens. Maman und sie halten nun sehr zusammen und schimpfen auf die beiden Wüteriche. Ich halte mich da lieber heraus. Heute Morgen ist es zu der schlimmsten Konfrontation zwischen den beiden gekommen, als nämlich Pierre um Adèles Hand anhielt und Papa fragte. Dieser lehnte Pierres Wunsch kühl ab und bat den jungen Mann, nie wieder bei uns aufzutauchen. Die beiden schrieen sich an, Papa bekam wieder Nasenbluten und nahm alle seine Kräfte zusammen, um Pierre achtkantig aus der Wohnung zu werfen. Wir hörten ihn nur noch die Treppe herunterpoltern. Adèle tut mir leid - sie ist zu empfindsam für solche Szenen. Vorwürfe hat sie Papa noch keine gemacht.
Immer deutlicher scheint sich jedoch ein Sieg für die radikale Linke abzuzeichnen - man sprach heute in der Boulangerie von den vielen Unentschlossenen, die sich wegen der Haltung der Girondisten zum Verbleib des Königs zu den Linken geschlagen hätten. Die Bergpartei und die Sansculotten (so nennt man jene, die die breiten, armen Massen in Paris vertreten) gewännen an Macht.

24. September
Nun gibt es schon seit mehreren Jahren Unruhen - immer wieder durchzucken neue Meldungen die Stadt. Die neue Nationalversammlung, in der die Linke immer mehr an Macht gewinnt, nennt sich jetzt Nationalkonvent. Vor ein paar Tagen wurde die Republik ausgerufen - damit ist das Königtum in Frankreich endgültig entmachtet. Nie hätte ich damals, als ich von meiner Begeisterung für die Werte Gleichheit und Freiheit schrieb, einen solchen Umsturz der Verhältnisse für möglich gehalten. Denke ich an meine frühe Jugend zurück, so kann ich kaum fassen, wie viel sich für uns innerhalb so kurzer Zeit geändert hat. Die Ideen eines freien, gleichberechtigten Menschen hat freilich schon vorher kursiert (als ich zwölf Jahre alt war, sprach Papa bereits davon) doch die Umkrempelung buchstäblich aller alten Verhältnisse mutet schon sonderbar an. Unsere Nation ist im Entstehen - doch fertig sind wir noch lange nicht. Traurige Meldungen treffen fast täglich ein - eine der denkwürdigsten ist sicher die Information über die 1100 Gefangenen, die in diesem Herbst aus Rachegründen vom Staat getötet wurden. Man hatte sie der Kollaboration mit Konterrevolutionären beschuldigt und im Zuge des beginnenden Krieges töten lassen. Wie ist das mit den Menschenrechten zu vereinbaren, deren Einführung doch so viel Anklang unter uns allen fand?
Nein, Pierre, ich kann nicht der Bergpartei beitreten. Ich kann es nicht, auch wenn die Forderungen nach einem Wahlrecht für alle wichtig sind. Ich kann es nicht, weil ich eine gewisse Entfremdung spüre zwischen dem Fortgang der Revolution und mir. Das wofür ich mit zur Bastille ging, die Menschenrechte, der Kampf gegen den Despotismus - alle diese Punkte sind dem allgemeinen Machtkampfe und Machtstreben der Parteien gewichen. Auch Papa schwingt keine leidenschaftlichen Reden mehr - ich glaube, dass meine ganze Familie einen Ernüchterungsprozess unterläuft. Und Pierre? Der redet sich vielleicht in irgendeinem politischen Club seinen Hass von der Seele.