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Sommer 1794

Vor ein einhalb Jahren schrieb ich zuletzt in dieses Buch. Ich stellte damals eine gewisse Wandlung an mir selbst fest, eine Entzweiung mit dem Fortlauf der Revolution. Vieles ist seither geschehen, Ereignisse, von denen ich bisher nicht schreiben konnte. Nun möchte ich versuchen, das, was geschehen ist, in Worte zu fassen.

Zunächst einmal muss ich vom Ende des Königs sagen - im letzten Winter beschloss man, ihn hinzurichten. Sein Haupt fiel unter dem Schafott. Langsam aber stetig arbeiteten die Jakobiner an ihrer Machtergreifung - erst unterschwellig und dann unverblümt öffentlich. Mit der Gründung des Wohlfahrtsausschusses am 6. April begann ein neuer Abschnitt in der französischen Revolution. Als Verteidigungsausschuss geplant, übernahmen auch dort bald die Jakobiner, unter der Leitung von Monsieur Robespierre die Macht. Ende Mai 1793 organisierten die Sanscoulotten einen Aufstand gegen den Konvent und begannen, die Girondisten systematisch zu verdrängen.
Am 2. Juni 1793 umstellten Nationalgardisten den Versammlungsort und nahmen 29 Abgeordnete und zwei Minister der Girondisten unter Arrest. Bald schon folgten weitere Verhaftungen, Kurzprozesse und Hinrichtungen. Auf den Pariser Straßen, wo doch sonst so öffentlich diskutiert wurde, gingen die Leute nun schweigend ihre Wege. Nur die Jakobiner blühten noch mehr auf - ihre Siegesgewissheit kannte keine Grenzen. Ein Revolutionstribunal wurde errichtet, in dem Gegner der Revolution kurzerhand zum Tode verurteilt wurden. Die Begriffe Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit waren verschwunden. Nur noch ihre Worthüllen blähten sich auf in der Sprache der fanatischen Jakobiner.

Drei Monate ist es her. Jemand muss energisch an unsere Tür geklopft haben. Sehr früh morgens, nur Maman und Papa müssen schon wach gewesen sein. Maman hat, wie sie uns später erzählte, die Türe geöffnet. Drei Männer hätten sie barsch in die Wohnung gedrängt, wären an ihr vorbei ins Schlafzimmer gestürmt, wo Papa sich gerade umzog. An den Armen hätten sie ihn herausgezerrt. Als Adèle und ich bleich und verschreckt durch den Lärm auf den Flur traten, lag Vater auf dem Boden. Pierre blickte uns mit einem schrecklichen Grinsen an und sagte nur folgendes: "Euer Vater ist wegen konterrevolutionärer Gesinnung unter Arrest gestellt! Lebe wohl, Adèle." Er machte auf dem Absatz kehrt, die beiden anderen Burschen schleiften Vater davon, der sich vergeblich zu wehren versuchte.
Mit einem schleifenden Geräusch und einem dumpfen Knall am Ende fiel die Tür hinter ihnen zu. Diese Geräusche werden nicht aus meinem Kopfe gehen. Sie sagten uns, dass man ihn zum Tod durchs Schafott verurteilt hätte. Das Schleifen der Tür und das dumpfe Einrasten des Schlosses produzieren fast täglich Bilder in meinem Kopf - Bilder vom Schafott, das schleifend herunterrast und mit einem dumpfen Prall Vater tötet. Auch in der Nacht träume ich diese Geräusche und die damit assoziierten Bilder. Dann wache ich schweißüberströmt auf und lausche den Geräuschen der Nacht. Ich hasse die Geräusche der Revolution - das Fußgetrappel, die Schüsse, das Knirschen der Zugbrücke der Bastille, die Tür, das Schafott. Sie sind das Requiem eines Traumes von uneingeschränkter Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.